Wie alt bist du eigentlich?


-alt und vollkommen? -

Sagte neulich ein Mittvierziger zu mir:
„Ich finde, das Alter eines Menschen spielt doch keine Rolle. Allerdings - wenn ich an meinen Onkel Eduard denke... Auweia. Aber der ist auch schon über siebzig.“
„So alt?“, fragte ich und lächelte.
„Ja, über siebzig,“ sagte der Mittvierziger.
„Ich bin auch über siebzig!“, sagte ich.
„Oh – Entschuldigung.“

Die kleine Peinlichkeit löste sich in Lachen auf. Der Gesprächspartner fühlte sich ertappt, dass für ihn doch das Alter eine Rolle spielt.
Sicher nicht immer. Aber hin und wieder schon.

 Wenn ich mich mit jemandem gut verstehe oder wenn ich mich an einem Gespräch freue oder es spannend empfinde, dann – spielt das Alter wirklich keine Rolle. Doch. Es spielt dann unter Umständen gerade eine Rolle, aber keine schlechte.
Wenn das Gespräch ungewohnt verläuft oder nur zögerlich in Gang kommt, wenn das Interesse nicht über den Augenblick hinausreicht, dann sagt man vielleicht eher liebevoll: Der (oder die) ist schon soo alt.

Ob ich jemanden mag oder nicht - das Lebensalter sollte eine Rolle spielen - in positivem Sinn:
Manchmal wird es  in einer Runde erst richtig spannend, wenn da auch ältere Menschen dabei sind, die manches gelassener sehen, weil sie schon vieles erlebt haben, ausprobiert, Enttäuschungen überwunden, weil sie Stärke gelernt und Demut geübt haben.
Man muss schon etwas älter sein,  einige Jahre „auf dem Buckel“ haben, bis man gelernt hat, dass manches nicht geht, dass manche Wege Umwege sind oder schlicht falsch oder übel sind, dass nichts so gut heilt wie Zuwendung und Liebe, dass gute Beziehungen nicht gefordert, sondern gelebt werden müssen und vieles mehr.
Wie viele Jahre?
Wann stellt sich so etwas wie Lebensweisheit ei? Manche lernen es bald, oft durch schmerzliche Erlebnisse. Manche nie – und wenn sie uralt werden.

Man spricht von Reife. Man spricht von einem gereiften Menschen, wenn da Eigenschaften und Überzeugungen zu entdecken sind, die man wünschte, selbst zu haben und die man bewundert.

Eine Freundin sagte neulich:
„Ich freue mich, dass ich nicht mehr so jung bin. Wie war ich da in so vielem unsicher! Da gab es manche Konflikte wegen Kleinigkeiten.
Wie dumm war ich oft.
Ich hatte aber auch noch nicht so viel mit Gott erlebt – mein Vertrauen war noch nicht gefestigt. Ich dachte, ich müsste mich überall absichern.“
Und dann bestätigte sie noch einmal:
“Ich finde es gut so, schon eine Weile gelebt zu haben, nicht mehr so jung zu sein.“
Das hört man nicht oft. Viel naheliegender ist der Seufzer:
„Ach, könnte ich noch mal jung sein, noch mal von vorne anfange – aber mit all dem Wissen und der Erfahrung, die ich heute habe...“
Dahinter steht auch der Gedanke:
„Dann könnte ich wirklich mal mit dem zufrieden sein, was ich gemacht habe...“

Ich bin sicher: Selbst wenn ich all das wüsste, was ich heute weiß und mein Leben neu zu planen hätte – am Ende würde ich wieder sagen: „Wenn ich das gewusst hätte, was ich heute weiß...“

Das Leben ist kein Experiment, das ich wiederholen kann - und bei dem ich die Bedingungen einzeln und exakt verädern kann.
„Wir steigen nie in denselben Fluss“, nichts wiederholt sich, das wussten schon die Griechen.

Das ist sehr ernüchternd. Um beim Bild zu bleiben: Ich kann lernen, geschickt in den Fluss zu steigen, ohne Auszurutschen, ohne zu viel Wasser zuschlucken, ich kann lernen, Freude daran zu haben, andere mit zu nehmen,,, Aber es ist jedes Mal wieder anders. Ehrlich gesagt: Früher hat mich das sehr verunsichert. Und wenn ich nicht wüsste und erlebt hätte, dass ich in all dieser Unsicherheit doch im Glauben an Jesus Christus auf festem Grund stehe, wäre ich es noch heute.

Und wie bin ich heute? Etwas weise? Schließlich schon über siebzig.
Unerschütterlich?
Sooo alt bin ich nun auch wieder nicht.


est




Ich bete jetzt...

Ja, jetzt ist die Zeit ideal. 11.45 Uhr.

 

Jetzt bete ich.

Ein Tässchen Kaffee dabei?

Das wäre sehr gut. Ich hatte noch keinen heute morgen.

Ein Tässchen Kaffee.

Das könnte ich immer so machen. Kaffee beim Beten.

Das hält munter und – es ist ja auch etwas besonders, das Beten.

Warum nicht mit Kaffee.

Warum ist da noch niemand drauf gekommen.


So.

Also.


Obwohl – so mitten am Tag beten – ich sollte das eigentlich morgens früh machen. Das wäre viel sinnvoller. So mitten am Tag – und wenn ich zu lange bete, sind die Geschäfte gleich zu. Aber heute brauche ich nichts.

Ich brauche überhaupt sehr wenig. Ich hab ja alles. Wer kann das schon von sich sagen. Man müsste viel dankbarer sein. Man müsste...Ich müsste...

O, die Sonne scheint direkt auf die Möbel und den Teppich.

Jalousien runter, auf einen Spalt. So ist das gut und gemütlich.

Richtig gemütlich.

 

Ja, eigentlich müsste ich sehr dankbar sein. Für alles. Auch für diese Zeit und diese gemütliche Ecke.

Wer hat das schon.

Bin ich aber auch, dankbar. Jetzt. Manchmal hält das ja auch länger an, das mit der Dankbarkeit. Aber ich motze auch öfters. Bei anderen mag ich das gar nicht. Das geht mir auf den Wecker. Aber – ich tu das ja auch – motzen über andere, die so wenig sensibel sind oder unhöflich und manchmal gemein, über Dinge, die nicht funktionieren, über die lieben Verwandten, die – lassen wir das jetzt.

Ich sitze ja hier, um zu beten.


 

Übrigens: Ich  bin wirklich  manchmal sauer und ärgere mich über alles Mögliche.

Ärgern ist so etwas Überflüssiges und Dummes. Denn: entweder ich kann die Sache ändern, dann muss ich sie eben ändern oder ich kann es nicht, dann macht das Ärgern nur, dass es auch mir noch schlecht geht.

Wenn ich mir das doch nur abgewöhnen könnte.

Es ist zu ärgerlich, ich kriege es nicht hin.

Das ärgert mich so – aber dieser Ärger – wenn er dazu führt, dass ich mich dann nicht mehr ärgere –

dann ist der doch gut, der Ärger...


Ach, beten, ja.

Was ist denn nun. Gott, ist das schwer...  Wäre es nicht viel einfacher, Du Gott, würdest mir all diese krausen Gedanke aus dem Kopf pusten und, und lachen, dass ich so dumm bin. Und sagen: Komm, jetzt reden wir mal ernsthaft miteinander.

So bin ich: Ich kann immer anderen sagen, was sie tun sollten. Anderen.

 

Was ich gerne wüsste ist, warum heute noch niemand angerufen hat. Vielleicht liegt nur der Hörer nicht richtig. Ich... aber vielleicht... bei mir liegt auch irgendwie der Hörer nicht richtig, wo ich gerade doch mit Gott beten, ihn anrufen will.  Und vielleicht möchte er mir etwas sagen. Aber der kommt gar nicht durch, weil ich noch gar nicht angefangen habe zu beten – und nun ist die Zeit schon fast abgelaufen.

Immer dasselbe.

Die zeit ist bald um und ich habe immer noch nicht gebetet.

Vielleicht ist meine Zeit überhaupt bald abgelaufen und ich habe immer noch nicht richtig und ernsthaft und von ganzem Herzen und so...


Aber – hat er mir nicht gerade eine Menge gesagt: das mit der Dankbarkeit und das mit dem Wissen müssen, dass manches nicht so wichtig ist, das mit dem Ärgern, dass das bei mir aufhören muss und dass es Wichtigeres gibt, dass ich dafür ich ein Ohr haben muss, besonders, wenn es von oben kommt und mitten am Tag...

Habe ich vielleicht doch - gebetet?

Jedenfalls: Gott hatte bei mir eine Chance – und ich glaube, er hat sie voll genutzt. ich glaube.

O, der Kaffee ist noch ein wenig warm.


Demnächst, wenn ich bete - nur mit Kaffee.


est


lebensnah - erika steinbeck [-cartcount]