Ich bete jetzt


Ja, jetzt ist die Zeit ideal. 11.45 Uhr.

Jetzt bete ich.
Ein Tässchen Kaffee dabei?
Das wäre sehr gut. Ich hatte noch keinen heute morgen.
Ein Tässchen Kaffee.
Das könnte ich immer so machen. Kaffee beim Beten.
Das hält munter und – es ist ja auch etwas besonders, das beten.
Warum nicht mit Kaffee.
Warum ist da noch niemand drauf gekommen.
So.
Also.
Obwohl – so mitten am Tag beten – ich sollte das eigentlich morgens früh machen. das wäre viel sinnvoller. So mitten am Tag – und wenn ich zu lange bete, sind die Geschäfte gleich zu. Aber heute brauche ich nichts.
Ich brauche überhaupt sehr wenig. ich hab ja alles. Wer kann das schon von sich sagen. Man müsste viel dankbarer sein. man müsste...Ich müsste...
O, die Sonne scheint direkt auf die Möbel und den Teppich.
Jalousien runter, auf einen Spalt. So ist das gut und gemütlich.
Richtig gemütlich.

Ja, eigentlich müsste ich sehr dankbar sein. Für alles. Auch für diese Zeit und diese gemütliche Ecke.
Wer hat das schon.
Bin ich aber auch, dankbar. Jetzt. Manchmal hält das ja auch länger an, das mit der Dankbarkeit. Aber ich motze schon öfters. bei anderen mag ich das gar nicht. Das geht mir auf den Wecker. Aber – ich tu das ja auch – über andere, die so wenig sensibel sind oder unhöflich und manchmal gemein, über Dinge, die nicht funktionieren, über die lieben verwandten, die – lassen wir das jetzt.
Ich bin wirklich manchmal sauer und ärgere mich über alles mögliche.
Ärgern ist so etwas Überflüssiges und Dummes. Denn: entweder ich kann die Sache ändern, dann muss ich sie eben ändern oder ich kann es nicht, dann macht das Ärgern nur, dass es auch mir noch schlecht geht.
Wenn ich mir das doch nur abgewöhnen könnte.
Es ist zu ärgerlich, ich kriege es nicht hin.
Das ärgert mich so – aber dieser Ärger – wenn er dazu führt, dass ich mich dann nicht mehr ärgere –
dann ist der doch gut, der Ärger...
Was ist denn nun. Ach Gott, ist das schwer... Muss ich das denn überhaupt wissen? Wäre es nicht viel einfacher, Du Gott, würdest mir all diese krausen Gedanke aus dem Kopf pusten und, und lachen, dass ich so dumm bin.
Jetzt muss ich lachen. Das wäre etwas. Mit einer Bewegung – tritt wieder Frieden ein.
fast spüre ich es schon.

Was ich gerne wüsste ist, warum heute noch niemand angerufen hat. Vielleicht liegt nur der Hörer nicht richtig. Ich... aber vielleicht... bei mir liegt auch irgendwie der Hörer nicht richtig, wo ich gerade doch mit Gott beten, ihn anrufen will. Und vielleicht möchte er mir etwas sagen. Aber der kommt gar nicht durch, weil ich noch gar nicht angefangen habe zu beten – und nun ist die zeit schon fast abgelaufen.
Immer dasselbe.
Vielleicht ist meine Zeit auch bald abgelaufen und ich habe immer noch nicht richtig und ernsthaft und von ganzem herzen und so....
aber – hat er mir nicht gerade eine Menge gesagt: das mit der Dankbarkeit und das mit dem Wissen müssen, dass manches nicht so wichtig ist, das mit dem Ärgern, das das bei mir aufhören muss und dass es Wichtiges gibt, dafür muss ich ein Ohr haben, besonders, wenn es von oben kommt und mitten am Tag...Habe ich nun gebetet oder nicht.
Jedenfalls: Gott hatte bei mir eine Chance – und ich glaube, er hat sie voll genutzt. Ich glaube.
O, der Kaffee ist noch ein wenig warm

lebensnah - erika steinbeck [-cartcount]