Aus - Zeit

 

 

Aus-Zeit. Hört sich gut an. Raus aus allem, was Alltag heißt, Verpflichtung, Streß. was belastet, oder?

„Ich nehme mir mal eine Auszeit“, um neue Perspektiven zu entwickeln, um zur Ruhe zu kommen, für eine Neuorientierung. Schön, wenn man sich das leisten kann. Man kann dazu in ein Kloster-auf-Zeit gehen oder eine Wallfahrt machen.  Im Internet wird angeboten:

  • Freiwilligenarbeit im Ausland,
  • Mithilfe in einem Ökodorf,
  • Käseherstellung auf einer Alm,
  • Gärtnern auf Bali...

Aber du sagst vielleicht:  Moment mal – das könnte ich alles nicht stemmen.  Die Zeit habe ich nie.

 „Eigentlich habe ich überhaupt keine Zeit!“

 

DAS glaube ich dir sofort! DU hast die Zeit nicht und ich HABE die Zeit nicht. Sie ist da und läuft und läuft und fließt und fließt.

Und sie ist voll und übervoll oder – wenn du abends mal Ruhe hast – kann es sein, dass du nichts mit ihr anzufangen weißt. Du siehst fern, du döst und plötzlich  reibst du dir die Augen und fragst: Wo ist sie? Wo ist sie geblieben, die Zeit!  DU hast die Zeit nicht, das stimmt.

 

Aber:  Auch wenn du eigentlich keine Zeit hast – auch wenn nur die Zeit dich hat – Du musst kein Sklave der Zeit sein. Du kannst dich auch verweigern. Auch wenn du total verplant bist – von wem auch immer (Beruf, Familie, Projekte, Krankheiten...) - auch wenn die Zeit total gefüllt oder überfüllt ist: es gibt immer wieder Chancen, mal aus-zusteigen (aus dem Zug der Zeit , aus dem Fluß der Zeit, aus dem Karussell der Zeit, aus dem Hamsterrad). Ich zähle ein paar Beispiele auf:

- Die Ampel steht auf „ROT“ –

- im Wartezimmer dauert es eine Ewigkeit, bis du dran kommst –

- bei eintönigen Arbeiten –

- am Telefon („Haben Sie einen Augenblick Geduld, der nächste freie Mitarbeiter...“) –

- bei langweiligen Konferenzen oder Einladungen...

Bei all diesen und vielen anderen Gelegenheiten hast du Zeit, der du eine andere Richtung geben kannst. Hier musst du nicht. Hier kannst du.

 

Zu kurz?

Es geht noch kürzer:

Du kannst einen Ablauf  (fast) jederzeit anhalten durch ein einfaches „STOP!“.

Stop! - Das kann lebensrettend sein an der vielbefahrenen Straße;

Stop! - Es kann Beziehungen retten, wenn du beinahe ein kränkendes Wort gesagt hättest;

Stop! – Beinahe hättest du dich mit einer blöden Bemerkung tüchtig blamiert;

Stop! - Es kann dich hindern, Geld unsinnig auszugeben.

Man kann aus der Zeit etwas machen.

 

Und das tut gut. Aus-Zeiten tun gut. Auch wenn sie noch so kurz sind...

 

Manchmal werden uns Auszeiten auch aufgedrückt. Da werden wir nicht gefragt, ob wir es gerne haben, wenn es mal ganz anders kommt. Der Corona-Lockdown war so etwas. Oder auch ein Unfall, eine Erkrankung, Nahtoderfahrung, Kriegsnot, Gefängnis, Verfolgung. Wenn es dann körperlich und seelisch hart auf hart kommt, dann stellt man sich plötzlich Fragen, die man in normalen Zeiten gerne ausgeblendet hat.

Wofür lebe ich – was brauche ich – wozu das alles – was ist mir eigentlich wichtig – und Gott? –

Durch solche Fragen bekommt die Zeit plötzlich Tiefe. Man könnte sagen: Sie wird durchlässig für wesentliche Dinge. So hart solche Zeiten oft sind – sie öffnen uns oft die Augen.

 

Denn hinter dem, was wir Zeit nennen steckt noch ein Geheimnis.  Es gibt nicht nur DIE Zeit. Es gibt solche Zeiten und andere Zeiten. Es gibt Zeiten, die irgendwie ablaufen und mehr oder weniger genutzt werden– und dann gibt es erfüllte Zeiten. Zeiten, in den Wesentliches geschieht. Zeiten, die sich anfühlen, als hätten sie schon eine besondere Struktur.

Du kennst sicher solche Zeiten:

-  Dir fallen Worte ein oder zu, die sind einfach gut, tröstend oder heilend oder unglaublich lieb;

-  Und was du tust, macht Sinn... ;

-  Ein Bibelwort, das du schon so oft gelesen hast, wird dir plötzlich ganz wichtig und du findest es wunderbar...;

-  Ein Tag ist einfach schön und voller Wunder;

-  Eine schlimme Situation löst sich wie von selbst;

-  Lange hast du nach Gott gesucht. Plötzlich weißt du: Er ist da, Er hat mich gefunden;

-  Du merkst: ich bin gesegnet.

Das sind Momente, wo die Zeit deutlich durchlässig wird für die Ewigkeit.

(Kohelet/Prediger Salomo 3,11: Jeder trägt die Ewigkeit in sich.)

In solchen Zeiten spürt man es und glaubt man es:  Es ist gefüllte Zeit, erfüllte Zeit, erfüllende Zeit. Kairos nennt es die Bibel, wo sie griechisch geschrieben ist. Da wird deutlich, dass Gottes Reich schon jedem ganz nahe ist, der Jesus erkannt und bekannt hat. (Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! 2. Korinther 6,2)

 

Die Corona-Zeit, auch so eine aufgedrückte Aus-Zeit, hatte aber auch für manchen so etwas wie eine Zeit, in der man ganz anders auf Gott hört. War es auch Kairos? Nicht für jeden – aber für manche?

 

Manche hatten in dieser Zeit – und manche nicht erst jetzt – Visionen von einem Aufbruch im Volk Gottes.

 

  • Als wir bestürzt waren, dass die Gottesdienste ausfielen, in einer Zeit, wo sie gerade dringend gebraucht wurden...
  • Als wir vergeblich auf Hilfreiches und Wegweisendes von den Landeskirchen erhofften...
  • Als die Meldungen kamen, dass schon im letzten Jahr die Kirchenaustritte auf historischem Höchststand waren...
  • Als auch geistlich sensible Leute sagten: „Kein Gottesdienst mehr? Mir fehlt eigentlich nix.“
  • Als man das Gefühl hatte, dass das Interesse am Christentum – an den Kirchen - ? schon längst einfach „verdunstete“ (Volker Resing - Herder Korrespondenz)..

... Mitten in der Coronazeit sagten Christen, Theologen: Hallo! Die meisten Leute werden zwar nicht von den Kirchen angezogen – aber Jesus wird ihnen nicht egal sein.   Sie sind nicht weg vom Fenster: Sie sind auf dem Weg. Sie sind  Suchende, Zweifler, Skeptiker, Pilger. Sie spüren eine große Leere! Und die kann gefüllt werden! Genau die hat Jesus im Blick! Da ist zwar nicht die Institution Kirche gefragt, wohl aber die Kirche im eigentlichen Sinne, die Gläubigen als pilgerndes Volk Gottes. Resing spricht von der „stillen, unerkannten und unwiderstehlichen Kraft des Christentums“ in den einzelnen Christen, die ihren Glauben leben.

 

So war es vor 2000 Jahren. Auch damals hatten die Christen keine gute „Presse“, sie hatten noch nicht einmal besondere Gebäude, um Gottesdienste zu feiern, und sie hatten nicht viel theologisches Know How – aber sie lebten den Glauben und sagten ihn weiter mit brennendem Herzen. Da müssten wir anknüpfen . Und mit großer Liebe zusammen mit den Suchenden und Zweifelnden Schritte gehen durch die Zeit hindurch.

 

Erika Steinbeck Bote Sept.Okt.Nov. 2020

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