Maßhalten

 

 

Was für ein Wort! Passt das in unsere Zeit? In ein Jahrhundert der unbegrenzten Möglichkeiten?

Ich googele. Suche unter „maßhalten und genießen“. Und finde unzählige Hinweise für Alkoholiker und solche, die es nicht werden wollen. Gut so. Aber es gibt so unendlich viel zu genießenaußer Alkohol: eine köstliche Mahlzeit, eine reife Erdbeere, einen Blick übers weite Land im Herbst oder in ein Mikroskop mit filigranen Kieselalgen.... Gemeinschaft kann ich genießen, Stille, Reisen, Shopping, ein weiches Bett... Muß man auch bei solchen Genüssen ans Maßhalten denken?

 

Dann möchte ich mir lieber im Augenblick des Genießens mit Goethe wünschen:

 „Verweile doch, du bist so schön...“

 

Aber gerade das gibt es nicht. Ein glücklicher Moment ist ein Moment. Er kann nicht „verweilen“, er  muß aufleuchten – und ergriffen, genossen werden. Denn wenn er zu lange dauert, wird er schal. Er hat ein nur sehr kurzes Haltbarkeitsdatum. Allein die Erinnerung kann es schaffen, seinen Glanz zu bewahren. 

 

Ja, und da man ihn nicht festhalten kann, möchte man ihn wenigstenswiederholen.Noch mal und noch mal. Den gleichen Kick, dieselbe Situation, dasselbe Lob, ein gleichschönes Kleid...

Aber auch DAS bringt es nicht. Das gleiche ist – wenn es wiederholt wird – auch nicht dasselbe. Da muss man dann schon eine „Schüppe drauf tun“, um das Gleiche zu erleben.

Also alles wie bisher, aber noch mehr und noch schöner.

 

Aber!Auch hier wieder ein ABER:

Psychologische Tests beweisen, dass zu viel Glück kein Glück mehr ist, dass der Genuß, der zur Gewöhnung wird, abstoßend wirkt. Vulgär ausgedrückt: Du überfrisst dich.

 

Alsodoch maßhalten?!

Aber wie? In einer  Zeit, wie wir sie heute durchleben, einer Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten,  ist das doch „von gestern“ und auch gar nicht zu packen.

Die Wirtschaft setzt auf: „Altes raus – neu ist geil!“ Ein Wirtschaftswissenschaftler nannte es mal: endlose aggressive Stimulation der Nachfrage. Angeblich geht es nicht ohne Wachstum und Verschwendung. Reklame redet auf uns ein, in Artikeln und Videos, auf Plakaten, T-shirts, im Internet, Radio, TV – erst recht beim Einkaufen. Ratgeber, Infos, Bücher bringen ständig neue „Erkenntnisse“, die wir beachten sollen.  Es scheint deine Bürgerpflicht zu sein, immer etwas Neues zu wollen.

Und du hast die Freiheit dazu.

 

Freiheit! Ist Freiheit nicht eine gute Sache? Ich kann im Supermarkt unter vielleicht 100 verschiedenen Sorten Brotaufstrich wählen. Kann, darf – muss. Stress! Und wenn ich mich entschieden habe, habe ich 99 Sorten NICHT gewählt. War das gut? Stress! Habe ich wirklich die beste Sorte gewählt? Stress! Was sagt der Warentest und der Gesundheitsberater und die Familie? Warum hast du nicht...? Stress!

 

Und so geht es auf jedem Gebiet. Ständig lebst Du in Angst, etwas falsch zu machen oder zu versäumen, zu verpassen.

Warum trainierst du nicht? Du könntest doch noch...

Warum nimmst du nicht diese Maschine? Ganz neue Technik!

Kennst du diese App denn noch nicht....

Wieso hast du keine Zeit...

 

Ein Test hat bewiesen, dass junge Männer, die in einem Land mit den größten Freiheiten leben (nach eigener Einschätzung) auch am meisten suizidgefährdet sind. Warum?

Mit der  Freiheit, der Lust nach zu gehen, der Lust nach neuen Reizen, nach Abenteuer, nach Events, nach allem Neuem – mit dieser Freiheit wird das Habenwollen zur Gier und macht dich fertig.  Wilhelm Busch erkannte schon: „Denn jeder Wunsch – wenn er erfüllt – kriegt augenblicklich Junge!“

Und das liegt an dem, was in unserem Gehirn passiert, an einem System (Hormonausschüttung), das ähnlich wie Opiumfunktioniert: Nach jedem Kick (erfüllten Wunsch etc.) ist dir, als hättest du Opium oder eine andere Droge genommen. Folglich brauchst du einen neuen Kick. Nur größer muss der sein, damit du annähernd genau so glücklich bist.  Du wirst also süchtig. Du merkst schon: es geht nicht mehr um das, was den Kick auslöst, sondern um das MEHR.

Man hat nämlich eigentlich keine Freiheit, wenn andere bestimmen, zwischen welchen Übeln man die „Freiheit“ hat zu wählen. Frag dich doch mal: Hast du die Freiheit, NICHT zu wählen? Wenn nein, dann ist die Freiheit, zu wählen, keine Freiheit

Diese „Freiheit“ ist eine Falle.

 

Entkommt man dieser Falle überhaupt?

Schließlich werden wir beeinflusst durch die Medien. Sie geben die Probleme vor und die Antworten und die angeblichen Lösungen. Der Kopf schwirrt von so vielem schädlichen und überflüssigen Zeug.

Wo haben die Fragen noch Platz, die mir wichtig sind? Z.B.:

  • Warum zerstören wir durch unsere die Gier die menschlichen Beziehungen, die Umwelt, den Frieden?
  • Wie kann man das um Himmels willen noch stoppen?
  • Was können wir tun?

 

Hast du solche Fragen?

Hast du dann nicht auch die Freiheit, anderes zu wählen als man dir vorgibt?

Die Freiheit,  nach dem rechten Maß zu suchen? Hat nicht geklappt?

Vielleicht hast du bisher das rechte Maß nur an der falschen Stelle gesucht.

 

Mit unseren Augen betrachtet  sind wir dem Prozess des Wachsens in einer begrenzten Welt ausgeliefert. Aber es gibt noch eine andere Position, von der aus das man dem Chaos von Habenwollen und Glücklichseinwollen und Scheitern entkommen kann:

 

Die Position Gottes.

Das Maß Gottes, des Schöpfers, das müsste doch das rechte Maß sein, oder?

Wenn man in seiner Nähe und unter seinen Augen lebt, dann kann man doch fragen:

„Herr, was willst du, dass ich tue? Was ist gut für mich, für meinen Nächsten und Fernsten und für die Erde?“

Wenn ich so frage, dann stehe ich auf festem Grund. Dann kann ich mich den vielen Reizen stellen, den falschen Forderungen und Herausforderungen und Verlockungen, die mich nur ins Chaos stürzen und mir die Freiheit nehmen, sie nichtzu wählen, sie auszuklammern, sie zu vermeiden.

Ich kann - mit Gott an meiner Seite - sagen:

Ich bin nicht unersättlich;

Ich kann die Nachhaltigkeit im Auge behalten; ich muss nicht den Müllberg vergrößern;

Ich muss nicht das Neueste haben, das morgen schon wieder alt aussieht;

Ich muss meinen Kindern nicht alles „liefern“, bei mir dürfen sie reifen und Verantwortung lernen;

Ich muss nicht „haschen nach Wind“, ich habe Zeit, zu genießen, was mir gut tut;

Ich muss mir nicht von Geld, das ich nicht habe, Sachen kaufen, die ich nicht brauche, um Menschen zu imponieren, denen ich egal bin.

 

Das Leben hat so viele Facetten, es kann so reich sein. Es muss nicht ausgeschlachtet werden und es ist nicht da, um süchtig zu werden nach Leben  – sondern ein Geschenk, unendlich wertvoll – aber es muss bewahrt werden, nicht verschleudert.

Und es geht nicht nur um dein Leben. Es geht um DAS LEBEN.

Es ist maßgeschneidert.

Erika Steinbeck

 

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