Gott ist nicht tot? - Dann zeig ihn mir!

 

 Warum sollte er tot sein? Weil es mit der Erde im Augenblick schlecht steht und mit der Kirche sowieso?

 

Der Mensch hat schon lange so gehaust, als ob die Erde nicht kaputt zu kriegen ist - aber mittlerweile hat er so viele und so effektive Möglichkeiten, dass er es vielleicht doch schafft, seine eigene Existenz zu vernichten. Das soll in diesem Boten nicht das Thema sein.

 

Was uns aber beschäftigt: Mit der Kirche steht es - gefühlt - nicht gut - und zwar nicht erst, seitdem uns Corona Probleme macht.

  • Noch nennen sich 1/3 der Menschen Christen. Und die Kirche wächst besonders in Afrika, in der Karibik und in Latein-Amerika, dort leben insgesamt etwa 2/3 aller Christen weltweit. Aber Christen werden weltweit verfolgt. In 50 Ländern werden über 300 000 000 Christen verfolgt und diskriminiert (opendoors: Weltverfolgundsindex 2021).
  • In Europa und den USA gibt es immer mehr Menschen, die austreten aus der Kirche, und von den restlichen Christen verhalten sich bis zu 60% distanziert, das heißt u.a.: sie gehen höchstens noch zu Weihnachten und Ostern zum Gottesdienst.
  • Pfarrer werden beleidigt, Kirchen beschädigt, auch bei uns 
  • Und, schlimmer als all dieses: Viele Menschen verstehen die „Sprache“ der Kirche nicht mehr. So wird auch der Glaube für sie belanglos.
  • Da gibt es die Diakonie, Caritas, Brot für die Welt und andere von vielen geschätzte Organisationen der Kirchen. Aber viele Christen leben nicht das, was Jesus verkündigt und was das Christsein ausmacht. Ein Beispiel: Nicht nur in den USA und in Afrika gibt es viele begeisterte Anhänger des Wohlstands-Evangeliums, das beruflichen Erfolg und Wohlstand als Gunstbeweis Gottes verkündigt. Für sich persönlich etwas herausholen - das ist aber nicht die Barmherzigkeit und die Liebe Gottes, von der Jesus spricht. Da bleibt das Evangelium auf der Strecke.
  • Und das ist das Schlimmste: Seit den Missbrauchsskandalen fragt man sich, warum gerade Christen heuchlerisch sind: Menschen, die sich Vertreter Gottes auf Erden nennen, schützen nicht die Missbrauchten, sondern die Täter aus ihren Reihen, damit die Kirche nicht in Verruf kommt. So kommt sie gerade dadurch in Verruf. Sie verraten das Evangelium. Die Kirche steht da nicht mehr wie ein Fels in der Brandung, sondern sie steht im Weg. Hinzu kommen noch Finanzskandale
  • Eine Einheit bilden die Christen nicht: die Kirche ist in sehr viele Denominationen geteilt, gespalten, zerbrochen ( Evangelisch, Katholisch, Alt-Katholisch, Reformiert, Lutherisch, Orthodox…undundund) - da bestehen z.T. große Unterschiede und Ablehnung und Berührungsängste unter einander. Sollte man nicht einig sein in aller Verschiedenheit?

 

Was ins Auge fällt, wenn wir von Kirche reden, das ist die sichtbare Kirche. Neben der sichtbaren gibt es aber noch die unsichtbare Kirche (die Reformatoren sprechen von der verborgenen Kirche), sie ist sozusagen das geistliche Herz. Es sind die Glaubenden, man könnte auch sagen: das Reich Gottes. Seit es Gemeinde gibt, gibt es diese geistliche Wirklichkeit der Glaubenden. Neben den sichtbaren und oft schwierigen Seiten der Gemeinden lebt die unsichtbare Kirche überall da, wo Menschen nicht mehr irgendwelche Ansprüche bedienen, sondern, von Gottes Geist geleitet, Jesus verkündigen durch ihr Leben. 

 

Und diese unsichtbare Kirche wird allmählich immer sichtbarer:

  • Man denke nur an die etwa 68 Gebetshäuser und Gebetsinitiativen allein in Deutschland. Darunter sind viele, in denen nicht nach der Konfession gefragt wird.
  • Das Erstaunliche: In den Ländern, wo Christen Verfolgung erleiden, da wachsen die Gemeinden. Und das ist so, obwohl sich verfolgte Christen nur im Untergrund versammeln können, als Christen im  öffentlichen Leben nicht erkennbar sein dürfen und obwohl es jederzeit ihr Leben kosten kann.

Ein Beispiel: China. Neben 40 Millionen offiziell registrierten Chinesischen Christen soll es etwa 60 bis 80 Millionen Christen im Untergrund geben (nach: open doors). Warum so viele? Wo sonst als in den christlichen Gemeinden erleben sie: Du bist akzeptiert von Gott und uns, so, wie du bist! Das überzeugt, das begeistert!

  • Da gibt es katholische Basisgemeinden auf den Philippinen, BECs, mit Gebetskundgebungen, Landwirtschafts- und Gesundheitsprogrammen. Menschen schaffen es, als Kirche der Armen missionarisch und wie echte Jünger Jesu zu leben.
  • Es gibt so viele Ansätze in Gemeinden, Familien, überall auf der Welt, wo Gottes unsichtbare Kirche Menschen begegnet, sie begeistert, und wo die Begeisterung Menschen erreicht. Weil die alten Formen einfach nicht mehr ausreichen, entstehen:- Schwimmende See- und Fluss-Kirchen -- Tiny-Churches - Rollende Kirchen - Gospel-Churches - Kletterkirchen - Cafétralen - Social Banking Gruppen- Gottesdienste in einer Bar - Kirche auf dem Bauernhof, mit Skateboardern, BMX-Fahrern, mit Künstlern und Kreativen und Surfern…
  • Vieles ist einem Impuls aus England zu verdanken, der längst weltweit verstanden wurde: Fresh Expression (in Deutschland: Netzwerk Fresh X) - Fresh X geht davon aus, dass Gott überall am Werk ist, auch dort, wo die Leute keinen Bezug zur Kirche haben. Es geht darum: Menschen zu gewinnen, um mit ihnen auch Kirche zu sein.So können durch begeisterte und begeisternde Menschen neue Formen von Kirche entstehen, neben und mit der offiziellen Kirche: Gemeindeinitiativen wie oben angeführt. Prof Herbst in Greifswald hat das z.B. für Deutschland aufgegriffen und Dr. Christian Hennecke engagiert sich dafür in der Diözese Hildesheim. 

Da ist ein Wandel zu erkennen auch im Denken vieler Hauptamtlicher. Alte Strukturen, die dem Wort Gottes im Wege stehen, brechen auf. 

Ist die Kirche dabei, wieder ein lebendiger Organismus zu werden? Lebendig wie Jesus selbst?

Von Christian Hennecke* stammt der Aufsatz„Überfallartiger Wandel“ den man im Internet nachlesen kann. Er schreibt u.a.(Hervorhebungen durch die Redaktion):

 

Veränderung und Wandel gehören zur Kirche, denn sie ist Frucht der Passion, dem Leiden und der Auferstehung Jesu. Der Wandel ist ihre DNA, die Wandlung ihr eigentliches Geheimnis.. Alle Versuche, eine bestehende Gestalt der Kirche zu erhalten und behutsam umzubauen, gelingen nicht  wirklich.… Brauchen wir noch so viele Gebäude, so viel Organisation, so viele Meetings, so viel Verwaltung, so viel pastorale Planung - wenn doch klar ist, dass die Erneuerung gar nicht von oben kommt, sondern unverfügbare Kraft des Geistes ist? Und es könnte sein, dass wir nun erfahren dürfen, was schon lange im Werden ist… dass wir in einer neuen Weise als Christen in dieser Welt leben, nicht machtvoll, sondern demütig selbstbewusst, nicht klagend, sondern Salz und Licht, wenn auch in kleinen Zahlen? Wäre das wirklich eine Katastrophe, oder ist es eine Neugeburt?

Dietrich Bonhoeffer ist für mich ein echter Prophet. …Er meinte, wir würden unfähig für die Zukunft, wenn wir weiterhin um Selbsterhalt kämpfen. Dann nämlich, so Bonhoeffer, sind wir unfähig, der Welt das Evangelium wirksam zu verkünden. „Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: Im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Vielleicht braucht es Orte wie Klöster, in denen wir Nachfolge lernen können, Askese, Gebet, Liebe und Gemeinschaft.

Dazu braucht es Mut. Aber dieser Mut ist in vielen schon da. Dazu braucht es Leidenschaft und Kreativität – aber auch all das ist reichlich vorhanden.Und es braucht ein neues Bewusstsein dafür, dass Gemeinschaft sich gründet in einer Liebe, die unsere Beziehungen erneuert, stärkt und kraftvoll macht – und so die Liebe sichtbar werden lässt. Die vergangenen Wochen machen aber schon deutlich, dass – auch auf Entfernung – diese Wirklichkeit des Auferstandenen unter uns da ist und lebt.“

So weit Ausschnitte aus dem Aufsatz von Dr. Hennecke

Wenn man von Verfolgung, Skepsis, Anfeindung, Hass gegen christliche Kirchen hört, aber auch von Stillstand, Versäumnissen, Versagen, könnte man verzweifeln - wenn man sich aber umhört, was sich alles gewandelt hat, dann wurde schon Wichtiges erkannt. Dann wächst da Neues auf, weil Gott lebt:

Das Evangelium ist keine Theorie, die man wortgewandt verkaufen muss, sondern eine Gabe, die den Menschen verwandelt. Es geht nicht darum, zu überzeugen, sondern  man muss…:  

„das Wort Gottes so aussprechen, dass sich die Welt darunter verändert… 

Geht nicht Jesus längst wieder durch die Straßen…?“

(Prof. Dr. Thorsten Dietz)

 

God's not dead - Gott ist nicht tot.

He`s shurely alive - ganz sicher lebt er

He`s living on the inside  - in dir drinnen lebt er…

(Newsboys - Christl. Rockband)

Erika Steinbeck 

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*Dr. Christian Hennecke Generalvikariatsrat Bistum Hildesheim.  Der Artikel ist erschienen in: AMD-Quadrat, hg. von den Missionarischen Diensten der Evangelischen Landeskirche in Baden, I 2020, S. 5-8

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